Vortragsreihe: "Islam und Demokratie"

Islam und Demokratie- Unlösbare Probleme oder Missverständnisse?"

 

Die Gräueltaten des Terrorregimes des sogenannten IS, das feige Attentat von Charlie Hebdo sowie die grausamen Massaker der Boko Haram sorgten in den vergangen Jahren nicht nur unter der österreichischen Mehrheitsgesellschaft für Angst, Schrecken und Empörung. Der Islam und die Demokratiefähigkeit dieser vermeintlich polarisierenden Religion, treten erneut vermehrt in die Zentren der gesellschaftlichen, politischen und medialen Diskurse. In diesem Sinne sollte auch der  Auftakt der diesjährigen AEOEJ-Vortragsreihe einen sachlich-kompetenten Beitrag zum aktuellen Diskurs leisten:

Am 17.04.2015 beschäftigte uns das Thema „Islam und Demokratie - Unlösbare Probleme oder Missverständnisse?“. Dazu durften wir bei uns den österreichisch-syrischen Islamologen, Koran-Übersetzer und Buchautor Mag. Amir Zaidan begrüßen.

 

Der Islam als eine ganzheitliche Lebensweise

 

Gemäß der islamwissenschaftlichen Tradition wurden die zwei zentralen Begrifflichkeiten des zu diskutierenden Themas, Islam und Demokratie, zunächst einmal etymologisch und ideengeschichtlich hergeleitet, sowie schließlich in Beziehung gebracht. Die daraus entstandene Spannung legte die Essenz ihrer substantiellen Charakteristika frei, die einerseits zwar ihre Unvergleichbarkeit akzentuierte, andererseits eine Reihe an Anknüpfungspunkten darlegte, welche die weitverbreitete Ansicht einer Unvereinbarkeit dieser beiden lebensweltlichen Konzeptionen sachlich-argumentativ zurück zuweisen intendierte.  Der Vortragende untermauerte die postulierte Divergenz dadurch, dass der Islam, im Gegensatz zur Demokratie, eine umfassende Lebensweise mit dies- und jenseitigem Bezug offeriert, die über die Einflusssphären einer politischen Herrschaftsform hinaus geht, und dabei einen entsprechend flexiblen Interpretationsfreiraum bietet.

 

Die immer wieder aufkommenden Debatten im innerislamischen Diskurs zum Thema Politik und Wahlen in Europa, welche die Frage nach der Partizipationserlaubnis der MuslimiInnen am politischen Leben in Europa thematisieren, wird vor allem anhand der zahlreich publizierten Fatawa (islamischen Gutachten) deutlich. Die Haltungen diesem Thema gegenüber sind zum Teil konträr und vor allem von den theologischen Haltungen der jeweiligen Institutionen abhängig. In diesem Vortrag wurde eine eher pluralistisch oder zumindest inklusivistische Herangehensweise an den quranischen Text und an das daraus hervortretende islamische Recht rezipiert. Aus diesem islamologischen Verständnis heraus sind für den Vortragenden keinerlei sachlichen Argumente gegen eine konstruktive Synthese von Islam und  Demokratie   zu finden; ganz im Gegenteil. Demokratische Systeme können jene offenen Bereiche im Islamischen Recht ergänzen, die hinsichtlich ihrer lebensweltlichen Ansprüche und Fragestellungen gottgewollt offen gelassen worden sind und den jeweiligen Lebensumständen entsprechend  zu befüllen wären. An diesem Punkt wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Islam keine bestimmte Regierungsform vorschreibt und somit jedes politisches System, auch ein Islamisches darstellen könnte, solange Gerechtigkeit das Maß aller Dinge ist (siehe dazu [Sahih Al-Bucharyy Nr. 660].

 

Die Scharia als ein dynamisches Medium

 

Mit der Thematisierung des Interpretationsfreiraumes wird der Vortrag auf die Ebene(n) der legislativen Aspekte des Qurˈān herangetragen, welcher durch die Brille des sogenannten dynamisch-prozesshaften islamischen Rechts betrachtet wird (eine Haltung, welche nicht unbedingt von allen Gelehrten gleichermaßen vertreten wird, jedoch besonders mit dem 20. Jahrhundert vor allem im Diskurs rund um die Pluralitätsfähigkeit des Islam vermehrt an Sympathisanten gewinnt). Diese postulierte Prozesshaftigkeit lässt zu, dass die dem Qurˈān inhärenten Lehren (im engeren Sinne, die quranischen Ge- und Verbote), für zeitgenössische Heraus­forderungen im Zusammenhang mit Musliminnen und Muslime im vor allem westlich- pluralen Kontext agierend, fruchtbar und unter Berücksichtigung von Zeit, Umstand und Ort, universell anwendbar gestaltet. Somit besteht auch kein Wiederspruch darin, eine selbstbewusste reflektierte Religiosität zu etablieren und zugleich auch ein/en engagierte/n BürgerIn eines modernen demokratischen Rechtsstaates zu verkörpern.

 

In einem `Islamischen Staat` regieren das Volk und die eindeutigen Gebote des Islam

 

In einem demokratischen Staat, je nachdem ob es sich um eine repräsentative oder direkte Demokratie handelt, sind es prinzipiell die Wahlberechtigten BürgerInnen, die den gesetzlichen und politischen Duktus eines Staates vorgeben.

Unter einer islamischen Regierung andererseits kommt zur politischen Gestaltungs- und Partizipationsermächtigung der BürgerInnen eines islamisch geführten Staates nun auch die Dimension der göttlichen Gebote hinzu. Dieses wird in diesem Zusammenhang grob in zwei Kategorien unterteilt, die sich neben den expliziten Ge- und Verboten (haram, halal) und den Konsensen der klassisch-islamischen Rechtsgelehrsamkeit zu impliziten Problemkreisen, in einem mehrdimensionalen und breitgefächerten Gestaltungsfreiraum unterteilt, welche die Adaption bereits bewährter Herrschaftsstrukturen nicht ausschließt noch verbietet.  Dieser Spielraum ist „gottgewollt“ offen geblieben, um den Menschen, entsprechend ihren unter­schiedlichen Lebensumständen, angemessene Handlungsfreiräume zu schaffen. Ein pluralistischer Ansatz, welche sich mit folgender quranischen Sura untermauern lässt (Quran 49:13):


Ihr Menschen! Wir erschufen euch aus einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr euch kennenlernt. Der Ehren­hafteste von euch bei Allaah ist der Ehrfürchtigste! Allaah ist gewiss allwissend, allkundig. (Zaidans Übersetzung)

 

Die gewollte Partizipation der Muslime an politischen Prozessen werden laut Zaidan, vor allem durch das post-prophetische Auswahlverfahren des politischen und religiösen Weiterführers der muslimischen Ummah durch die „Rechtgeleiteten Kalifen“ (Abu Bakr, Umar ibn al- Khattab, Uthman ibn Affan, Ali) sichtbar. Jedoch ein Ausnahmefall, welcher sich vor allem mit Beginn der innerislamischen Spaltung und dem Aufkommen des dynastischen Kalifats sowie angesichts der gegenwärtigen politischen Situationen der mehrheitlich muslimisch geprägten Staaten, an keinen weiteren praktischen Beispielen repräsentieren lässt.

 

LINK zur Aufzeichnung: PART I

LINK zur Aufzeichnung: PART II
 

 

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Islam und Demokratie-PowerPoint
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