Andalusien 2015

Die "Alhambra" in Granada
Die "Alhambra" in Granada

Al-Andalus, so der arabische Name der im Süden Spanien gelegenen autonomen Gemeinschaft mit etwa so vielen Einwohnern wie Österreich, welche vom 11.September 2015 – 20.September unsere Heimat war. Die Erwartungen waren riesig, kannten wir doch die Legenden, Geschichten und Mythen um die „goldene Zeit des Islams“ in Andalusien. Umso mehr freuten wir uns, auf die Sachvorträge von Dr. Abdurrahman Reidegeld, der in gewohnt pointierter Manier geschichtliche Ereignisse und wichtige Details aus den Ärmeln schüttelte. Doch hierzu soll später noch mehr verraten werden.

Gehen wir vielleicht noch einen Schritt zurück. Wir waren nicht ganz ehrlich. Es ist nicht wirklich ein Reisebericht. Um unsere Eindrücke der Reise mit RAMSA zu beschreiben müsste es vermutlich ein Reisebuch werden, kein Bericht. Wir wollen uns daher nur auf das Wesentliche begrenzen und euch das mitteilen, was uns besonders fasziniert hat. 

"Mihrab" in der Mezquita in Cordoba
"Mihrab" in der Mezquita in Cordoba

Da waren wir also, in Granada sesshaft geworden, wo im großen Veranstaltungsraum die täglichen Vorträge stattfanden. Ebenso täglich brachte uns der Bus an verschiedene Orte. Sevilla, Cordoba, Malaga… ja, bestimmt ging einiges an Zeit im Bus verloren, aber nein, keine Minute war verschwendet in Angesicht dessen, was uns vor Ort erwartete. Wo beginnen? Alhambra, Toro del Oro, A cala la Real,Madinat Az-Zahra, Alcázar, Santa María de la Sede oder fängt man bei der Mezquita von Cordoba an? Okay, fangen wir bei Letzterer an. 680 Säulen tragen das Gebilde, welches auch heute noch eine architektonische Meisterleistung darstellt, befinden sich doch 2/3 der Baumasse im oberen Teil des Gebäudes. Insgesamt gibt es neun Eingangstore, wovon ein Tor das Haupttor ist. Ein direktes Zitat aus dem heiligen Buch der Muslime, dem Koran. Acht ist in der islamischen Mystik die Zahl der Vollkommenheit, der Unendlichkeit, sie symbolisiert die acht Eintrittstore des Paradieses, also das Jenseits. Das Haupttor steht für den Eintritt in das Diesseits. Innen drin der Mihrab (typisch islamische Gebetsnische in Moscheen). Für die damalige Zeit war die Gebetsnische eine Besonderheit, niemand durfte hinein, sie symbolisierte das Jenseits, in welches niemanden Zutritt haben durfte. Deshalb ist die Grundform jedes Mihrabs ein Oktagon, er steht für das Verborgene, das Jenseits, die Unwissenheit. Auch der Imam stand davor und nicht- wie heute üblich- drinnen. Der Mihrab selbst, ein Kunstwerk. Rotes Karniol, blaues Lapislazuli und goldene Verzierungen und Beschriftungen. Wobei Verzierungen hier wohl der falsche Begriff ist. Wenn wir eines gelernt haben, dann dass die Bauherren damals keine Zufälle kannten. Weder in der Mezquita, noch in der Alhambra, noch sonst wo. Die „Wandmalereien“, die Anordnung der Muster, die unterschiedlichen Schriften, ja selbst die Positionierung des Lesers/der Leserin, alle folgen genauen Überlegungen. Durch die vorangegangen Vorträge waren wir eben dazu in der Lage, die Moschee, welche heute eine Kathedrale ist, und deren Inschriften nicht nur zu sehen, sondern zu erleben, vor allem aber, zu lesen. Die vermeintliche Tatsache, dass wir bis dato nur daran glaubten, Verzierungen und Inschriften hätten lediglich einen ästhetischen Zweck gehabt, wurde schnell verworfen. Um nur ein anderes spannendes Beispiel zu nennen: Der gesamte Raum wird von echten, schweren Marmorsäulen getragen, der Mihrab, der nicht nur das Eintrittstor ins Jenseits darstellt sondern auch als  Symbol für den Thron Gottes steht, wird ebenso von Säulen getragen, doch sind es keine echten Säulen, sie tragen kein Gewicht sondern sind lediglich ein Symbol der Demut gegenüber dem Thron Gottes. Sie sind, wenn man so will, Deko-Säulen. Ein Zugeständnis an Gott, nämlich dass wir, die Menschen, den Thron nicht tragen können.
Und jetzt setzen wir gleich noch eins drauf. Blickt man hoch, erkennt man acht Fenster, wohlgemerkt, wieder die acht. Vier der acht Fenster sind verschlossen, vier von Licht durchflossen (Meine Güte, ein Reim!). Dies ist wieder ein Zitat aus der islamischen Lehre. Der Thron Gottes, wird im Diesseits von vier Engeln getragen --> vier offene Fenster. Am Tage des Jenseits kommen vier weitere Engel dazu --> vier geschlossene Fenster = Der Thron wird von acht Engeln getragen --> acht Fenster. 


Der oder die Leserin spürt vielleicht schon worauf wir hinausmöchten. Das, was Mann/Frau in Andalusien sieht, ist eben nicht was Mann/Frau sieht, es ist viel mehr als das. Ständig bekamen wir dies vor Augen geführt, ob in Form von Gedichten, versteckten Botschaften, indirekten und direkten Zitaten. Wir konnten gar nicht anders als uns nach jeder neuen Info, nach jeder neuen Erkenntnis, gegenseitig anzuschauen und anzulächeln und in Faszination den Kopf zu schütteln.

Dabei waren hier „nur“ in der Mezquita von Cordoba. Was glaubt ihr, wie es uns in den Gärten der Alhambra bzw. in der Alhambra selbst erging. Wände voller Inschriften und Zitate, überall, die Räume füllend. Wir bringen gerne noch ein Beispiel aus der Al-Hambra, welches uns umgehauen hat und zeigt, was für eine Bedeutung simple Ornamente gehabt haben. 

"Baraka" Ornament
"Baraka" Ornament

Dieses Abbild wirkt vorerst sehr simpel und inhaltslos. Jedoch verbirgt sich ein lebendiges und vor allem auch aussagekräftiges Muster hinter der einfachen und schönen Gestaltung des Wortes „Baraka“ (= Segen).

Lasst uns das Kunstwerk von außen betrachten und dann erst in die Tiefe gehen. Als Umrandung ist ein vegetabiles Motiv erkennbar. Pflanzen, die auf den ersten Blick bedeutungslos wirken, doch nach genauerem Betrachten erkennt man wesentlich mehr. Es ist die Schahada (=Gottesbekenntnis), die sich in kufischer Schrift in ein pflanzenähnliches Motiv verformt. Überall in der Alhambra ist die Schahada als Pflanze zu sehen. In diesem Abbild symbolisiert die  umrahmende Pflanze, die allgegenwärtige und unveränderliche Schahada. Und zwar die, welche von allen Geschöpfen Gottes akzeptiert wurde und für immer besteht.

Dringt man nun durch die Ecken des Abbildes in die Mitte ein, so durchläuft man einen leeren Raum, welcher von einer kleineren Schahada halbiert wird. Dieses Gottesbekenntnis ist die individuelle menschliche Schahada. Wir sehen, dass es nun spezifischer wird und der Mensch als Individuum gemeint ist (waren vorher noch alle Lebewesen addressiert). Kommt man in der Mitte an, so findet man das Wort „Baraka“ (=Segen). Es ist jedoch unterteilt, sodass es eine doppelte Bedeutung hat. Als ganzes wird es „Baraka“ gelesen. Getrennt ergeben die ersten zwei arabischen Buchstaben jedoch das Wort „Bir“ (=Frömmigkeit). Das bedeutet: Nur mit Frömmigkeit (Bir) ist Segen (Baraka) zu erlangen.

Wir haben uns somit die vier „Eingänge“ zur Mitte angeschaut (leeres Blatt). Nun werden die vier Ausgänge betrachtet. Wir sehen vier weitere Blätter, die eine Frucht tragen. Ein Symbol für das Ernten, die Belohnung oder der Segen an sich.

Betrachtet man nun das Gesamtbild von neu, so entsteht ein Prozess des „Atmens“, das Bild wird lebendig.

Einatmen: Durchlauf der vier Räume mit der individuellen Schahada. Durch die Schahada gelangt ein Mensch zum Segen und zur Frömmigkeit.

Ausatmen: Als Resultat seines Segens erntet der Mensch die Früchte, sowohl im Diesseits, als auch im Jenseits.

Wenden wir hier wieder das an, was wir schon in der Mezquita von Cordoba gesehen und gelernt haben:

Das Oktagon in der Mitte: Einerseits ein Zitat der acht Engel, die den Thron tragen, wobei sie erst am jüngsten Tag acht sein werden. Zurzeit sind sie aber vier, was auch Grund dafür ist, dass die vier Ecken beim Einatmen geschlossen sind. Es könnte bedeuten, dass vier Engel noch „verschlossen“ sind und erst im Jenseits zum Einsatz kommen.
Erklärung:
Offen --> geht zur Frucht über.
Geschlossen --> erkennbar am Halbkreis, der die Ecke schließt; geht in die leere Pflanze über.

Last but not Least: Wir wissen nun, dass acht die Zahl der Unendlichkeit ist, des verborgenen Jenseits, ergo der Unwissenheit. Das heißt: Das gesamte Abbild ist ein unendlicher Prozess des „Ein-und Ausatmens“.

Aussicht von der Burg "A Cala La Real"
Aussicht von der Burg "A Cala La Real"

Fasziniert? Gut so, wir waren nämlich dort. Zeugen des Erbes einer Kultur, die sich durch Fortschritt, Wissenschaft, Kunst und vor allem des friedlichen Miteinanders auszeichnete.

In Anbetracht dieser Ausführungen wundert es deshalb nicht, dass diverse Autoren ganze Bücher verfassten, die sich damit beschäftigen, wie die Ornamente und Inschriften die sich überall in Andalusien befinden zu lesen sind. Siehe etwa, Die Alhambra lesen“. Übrigens ein sehr empfehlenswertes Buch.

Um wenigstens dem Anspruch eines Reiseberichts gerecht zu werden, hier unsere Bewertung: Andalusien bekommt 10 von 5 Sternen. Wir würden nur zu gerne wieder zurückfahren. Hierbei ist aber wichtig zu unterstreichen, dass der geschichtliche und kulturelle Unterbau und Hintergrund Andalusiens unbedingt zu recherchieren sind. Hat man erst diese Faktoren im Kopf zusammengesetzt und ergänzt sie eventuell mit Wissen über die islamischen Lehren, dann, nur dann erlebt man Andalusien auch wirklich. Wir hatten hier wirklich Glück mit einem überragendem Historiker und Philosophen reisen zu dürfen. In diesem Sinne: Fahrt nach Andalusien… und nehmt uns mit.

 

Als Einstieg eignet sich dieser Text von Bacem Dziri bestimmt sehr gut:

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Al-Andalus: Wurzeln einer europäisch-islamischen Kultur
Al-Andalus- Wurzeln einer europäisch-isl
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Bis zur nächsten Reise, insha'allah!